Krisenstimmen: Judith Antkowiak

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Judith Antkowiak ist freiberufliche Musikerin und A&R-Mangerin bei sonokraft.

Wie geht es dir und was machst du in Corona-Zeiten?

Die Zeit ist für mich sehr bewegt und herausfordernd, aber es geht mir gut. Am Anfang hat mich die seltsame Situation und die mediale Reizüberflutung aus der Balance gebracht, aber seit mir das zu krass wurde, nutze ich die ’social distancing‘-Direktive und das Kultur-Vakuum, um mir viel Zeit für mich zu nehmen. Ich mache fast täglich Yoga, gehe viel raus, setze mich mit der Gitarre in den Park…

Zum Glück geht meine manageriale Arbeit beim Musiklabel und -verlag sonokraft soweit normal weiter, sodass ich eine kleine wirtschaftliche Sicherheit habe und die Einnahme-Ausfälle auf künstlerischer Ebene mich nicht in ernsthafte Existenzsorge bringen. Größere Investitionen in meine künstlerische Tätigkeit warten freilich auf bessere Zeiten… Ich komme aber langsam wieder in einen kreativen Flow und möchte mich in den kommenden Wochen künstlerisch weiterbilden und -entwickeln, Instrumente üben, Songs schreiben, produzieren… und freue mich schon sehr darauf, auch bald wieder mit anderen Leuten zu jammen.

Gibt es für dich auch etwas Positives an der Krise?

Ich denke, die Situation ist für jede/n eine Chance, zu sich zu kommen und sich, die eigene Situation und eigene Prioritäten zu reflektieren – in einer Weise, wie sie in einem Alltag ständiger Erreichbarkeit und wimmeliger Timelines schwerlich möglich ist. Sie ist eine Chance, sich von äußeren Umständen unabhängiger zu machen in sich selbst einen Halt aufzubauen; neue Visionen zu entwickeln, Veränderungen umzusetzen, die man sich unterbewusst vielleicht schon lange gewünscht hat; wie auch immer sich das individuell gestaltet.

Wie verändern sich deine Arbeitswelt und dein Geschäftsmodell als Musikschaffende*r mit der Krise?

Da ist natürlich eine große Verunsicherung. Es läuft mir ein eiskalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir das Ausmaß vergegenwärtige, wie vielen Künstler/innen, Musikprojekten, Clubs und anderen Live-Veranstaltenden und Kulturschaffenden es jetzt wirtschaftlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Das ist wahnsinnig schmerzlich und ich fühle mich da allen Betroffenen sehr verbunden. Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, wenn ich versuche, mir auszumalen, wie sich die Musiklandschaft bzw. die Kulturlandschaft wohl in einigen Monaten wiederfinden wird und wie die Akteur/innen sich aufrappeln werden. In meiner Label-Tätigkeit spreche ich natürlich auch viel mit Künstler/innen, mit denen wir zusammenarbeiten. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind groß, zugleich stimmt es mich aber zuversichtlich, wie kreativ viele Künstler/innen mit den unsicheren Bedingungen umgehen. Als Label und Verlag können wir die Artists natürlich auch beraten und unterstützen sie darin, aus den Bereichen Recording, Notenvertrieb und anderen Projekten abseits des normalen Live-Geschäfts das Beste rauszuholen.

Meine eigenen künstlerischen Projekte sind aktuell im Wandel begriffen: Mein Duo AcordoSol pausiert momentan leider weitestgehend und ich entwickle neue Ideen. Da ich es sehr genieße, mit anderen Menschen „IRL“ (in real life) beisammen zu sein und ich ungern mehr vorm Rechner hocke, als mein Job es von mir verlangt, bin ich persönlich wenig motiviert, Konzerte ersatzweise als Live-Stream zu geben. Ich mache nur ab und an bei einer gemütlichen, virtuellen Zoom-Runde unter Freund/innen mit, bei der jede/r ein paar Songs beisteuert. Darüber hinaus habe ich eher Lust, Visionen für die post-Corona-Zeit zu entwickeln. Ich bin sogar zu einigen neuen Konzertideen für die nächsten Monate im Gespräch, wo ich mit den Leuten von Tag zu Tag flexibel reagiere, ob bzw. wie wir die Konzerte machen können. Haha, da fällt mir so ein albernes Meme aus der Corona-Anfangszeit ein, als zunächst Großveranstaltungen > 1000 Personen verboten wurden: Da freut sich ein Solomusiker und sieht seine große Stunde kommen, weil er eh nur so kleine Konzerte spielt… Ach ja, der Humor blüht auch auf in Krisenzeiten – vielleicht die schönste Überlebensstrategie…

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