Musikjournalismus braucht Nachwuchs: Rückblick auf zwei Jahre „Jugend rockt Thüringen“

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Musik ist und bleibt für Jugendliche ein wichtiger Bestandteil des Lebens, um die eigene Identität zu finden und sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Weltweite Vernetzung, ständige Verfügbarkeit und eine schwer überschaubare Vielfalt an Stilen gehören dabei heute zum Alltag. Bei all der Globalisierung wirkt die Musikszene vor Ort wie ein Ankerpunkt. Der Kontakt zu Musikschaffenden direkt vor der Haustür zeigt nah und direkt, was das Musiker*innendasein jenseits des großen Stroms ausmacht. Um Jugendlichen diese Sicht auf Musik zu öffnen und journalistische Erfahrungen in eigenen Beiträgen sammeln zu lassen, wurde von der LAG Songkultur das Projekt „Jugend rockt Thüringen“ gestartet. Seit 2018 bringen sich Jugendliche dabei in dafür gegründeten Jugendmusikredaktionen der Thüringer Bürgersender ein. Die jungen Journalist*innen erkunden angeleitet von Sozialarbeiter*innen und gestandenen Musiker*innen, Musikredakteur*innen und Medienpädagog*innen die lokale Musikszene und lernen dabei radiojournalistisches Arbeiten kennen.

Im Studio: Jugendmusikredakteur*innen von Wartburgradio, Radio F.R.E.I und Radio OKJ bei der Arbeit; Quelle: Jugend rockt Thüringen

Vorangetrieben wurde das Projekt von der LAG Songkultur in Kooperation mit RADIO OKJ und in Partnerschaft mit den weiteren Bürgersendern Radio ENNO, Radio F.R.E.I., Radio SRB, Wartburgradio und Radio LOTTE. Mit Förderungen des Bundesprogramms Kultur macht stark, konkret des Programms POPIIGO des BVPOP, konnten so vielfältige Projekte in Thüringen realisiert werden.
Nun führen die meisten der Bürgersender die Jugendmusikredaktionen weiter und bieten dem musikjournalistischen Nachwuchs eine Plattform.

Bei Interviews auf Events und mit Künstler*innen sammeln die jungen Journalist*innen Felderfahrung. Quelle: Jugend rockt Thüringen

Journalistische Persönlichkeiten entwickeln und Musikszene stärken

Die vielfältigen Ideen der jungen Musikredakteur*innen haben zu ganz unterschiedlichen Projekten in den Regionen rund um die Bürgersender geführt. Kreative Lösungen waren dabei auch während der Corona-Krise gefragt, um für die Programmgestaltung mit digitalen Lösungen aus der Not eine Tugend zu machen.

Redaktionsarbeit mit Kontaktbeschränkungen bei Radio OKJ. Quelle: Jugend rockt Thüringen

Radio Lotte: Ein neues Studio entsteht. Quelle: Jugend rockt Thüringen

In Workshops lernten die Jugendlichen Handwerkszeug kennen. Doch manchmal wurde der Spieß auch umgedreht und die jungen Radiomacher*innen wurden selbst zu Dozent*innen: „Ein besonderer Meilenstein des Projektes war ein von den Jugendlichen selbst durchgeführter Workshop zum Thema Musikdatenbanken für Radiomacher*innen bei Radio OKJ,“ erinnert sich Projektinitiator Dr. Tobias Marx, Vorstand bei der LAG Songkultur und als ehemaliger Geschäftsführer von Radio OKJ selbst radioerfahren.

Der Thüringen Sampler der LAG Songkultur durfte natürlich auch nicht fehlen – hier vorgestellt von Hannes Hoffmann und Erik Elias bei Radio SRB. Quelle: Jugend rockt Thüringen

Die Webseite des Projektes zeigt, wie die Jugendmusikredaktionen arbeiten, welche Formate sie entwickelt haben und welchen regionalen Musikszenen sie bislang erkundet haben.
Mit ihrer Arbeit bieten die Jugendmusikredaktionen der lokalen Szene und damit Nachwuchmusiker*innen eine Plattform im Radio. In Jena wurde in diesem Zusammenhang bspw. ein Bandwettbewerb mitbegleitet.

In Sachen Popmusikförderung konnte das Projekt darüber hinaus ganz konkret Thüringer Akteure unterstützen. Neun Dozenten erhalten bei einem jährlichen Projektvolumen von 70.000€ Honorare und Sachmittel z.B. für Konzerteintrittskarten.

Nachwuchs und Vernetzung für Thüringens Bürgersender

„Für die Radiosender ist „Jugend rockt Thüringen“ eine wunderbare Gelegenheit den Radiomacher*innen-Nachwuchs aufzubauen,“ weiß Marx. Denn die Herausforderungen jenen Nachwuchs gerade in der Altersgruppe bis 18 Jahre in die Studios und vor die Mikrofone zu bekommen ist groß. „Zudem hat das Projekt die notwendigen Kompetenzen zur Drittmittelakquise gestärkt.“
Über „Jugend rockt Thüringen“ konnte sich das Netzwerk der Bürgersender im Freistaat zudem deutlich verstetigen – sowohl untereinander sichtbar auf einem gemeinsamen Blog, als auch darüber hinaus: „Das Projekt konnte sowohl die Redaktionen als auch die kulturelle Vernetzung vor Ort stärken – besonders jenseits der großen Städte. In Nordhausen ergaben sich durch die Jugendmusikredaktionen beispielsweise ganz neue Kontakte, etwa zum Kreissportbund vor Ort und den dort aktiven Jugendlichen.“

JuRaNo – Die Jugendmusikredaktion von Radio ENNO stellt sich vor. Quelle: Jugend rockt Thüringen

Jugendmusikredaktionen wissenschaftlich betrachtet

Zusätzlich wurde das Projekt wissenschaftlich begleitet, um herauszufiltern, wie Musikjournalismus in der außerschulischen Bildung angesiedelt werden kann. Denn im Bereich der musikalischen Bildung in Schule und Musikschule spielt Musikjournalismus kaum eine Rolle. Die Studie in Zusammenarbeit von Tobias Marx mit Jugendsozialarbeiter Martin Lissner nahm dabei gezielt die Sichtweise der Teilnehmer*innen in den Blick und lieferte den Dozenten wertvolle Hinweise für ihre Arbeit. Zentrale Punkte, die den Erfolg der einzelnen Projekte bestimmen sind dabei eine niedrigschwellige Arbeitsweise mit den Jugendlichen und die wichtige Rolle digitaler Kommunikation.
Die Studie wurde auf der Jahrestagung der GFM 2019 vorgestellt und wird voraussichtlich 2021 publiziert.